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Warum gibt es Antisemitismus, Armin Nassehi?

Eine Rezension zu unserer Veranstaltung „Warum gibt es Antisemitismus, Armin Nassehi?“

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Anlässlich seines im März 2026 erschienenen Buches „Anmerkungen zum Antisemitismus – Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis“ haben wir am 27. Mai 2026, als Teil unserer Reihe Students Remember Talk, den Soziologen und Autor Armin Nassehi zu einem Vortrag mit der Leitfrage „Warum gibt es Antisemitismus, Armin Nassehi?“ eingeladen. In seinem Essay beschäftigt sich Nassehi explizit nicht mit den historischen Ursprüngen von Antisemitismus, sondern widmet sich in Luhmann‘scher, systemtheoretischer Tradition der Frage nach dessen gesellschaftlicher Funktion.


Die Frage, welches Gesellschaftsproblem Antisemitismus scheinbar löst, beantwortet Nassehi damit, dass der moderne Westen so sein eigenes „ungeklärtes Selbstverhältnis” auf das – rein imaginierte – Jüdische projiziert. Statt die inneren Widersprüche freiheitlicher Gesellschaften zu ertragen und deren systemeigenen Konflikte zu führen, übertrage man diese auf einen äußeren Feind. Während Systemkrisen in der Realität auf komplexe, multikausale Strukturen zurückzuführen sind, biete der Antisemitismus seinen Verfechtern einen eindeutigen, in einfachen Kategorien von „Gut“ und „Böse“ einteilbaren Ausweg. Antisemitismus entstehe deshalb vollkommen unabhängig von einem realen Verhalten von Jüdinnen und Juden, vielmehr diene er als Projektionsfläche der eigenen Identitätskrise. Diese Erkenntnis mündet am Vortragsabend in Nassehis bitterer Prognose: „Antisemitismus wird bleiben.“


Darin einen Aufruf zur passiven Hinnahme des inflationären Judenhasses in Europa und der Welt zu verstehen, wäre jedoch verfehlt. Vielmehr sollten wir, so plädiert auch Nassehi, über einen Strategiewechsel in der Antisemitismusbekämpfung nachdenken. Der Streit über Antisemitismusdefinitionen oder der moralische Zeigefinger, der vorschnell erhoben, nur zu einem Bedeutungsverlust des Begriffs führt und letztlich dem Verschwörungs- und Opfernarrativ der Antisemiten in die Hände spielt – all das ist Teil vergeblicher Aufklärungsarbeit.


Aber was ist die Alternative?


Unterstellt, Nassehis Thesen zum „ungeklärten Selbstverhältnis“ treffen zu, kommt es jetzt vielleicht darauf an, die gesellschaftliche Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten – zu stärken. Was wir als Verein beitragen können, ist Räume zu schaffen, in denen gefragt, diskutiert und überlegt werden darf. Gleichzeitig gilt es, Antisemitismus in seinen facettenreichen und wandlungsfähigen Erscheinungsformen konsequent zu adressieren und ihm kompromisslos entgegenzutreten. Das bedeutet allem voran auch, Selbstkritik zu üben. Wir wollen eine Erinnerungskultur, die tatsächlich Verantwortung übernimmt und sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst ist. Wir sind überzeugt, dass diese Selbstreflexion nach sokratischem Vorbild nur im Austausch funktioniert. Der Dialog zwischen Mitgliedern, Unterstützern und Interessierten ist daher unsere klare Leitlinie, und wir freuen uns auf weitere spannende Projekte im Rahmen der Students Remember Talks.


Wir bedanken uns herzlich bei Armin Nassehi und der interessierten Zuhörerschaft und blicken gespannt auf die weitere Resonanz zu seinem lesenswerten Buch.


Text: Harriet Klussmann

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